Im Wirtschaftsgespräch sind am 27. Juli 2026 im Deutschlandfunk Auszüge aus einem Interview mit unserem Ressortleiter Jan Grabow zur wirtschaftlichen Situation von Pflegeheimen enthalten:
In der Langfassung des Interviews hat Jan Grabow zum Ausdruck gebracht, dass Pflegeheime unter Druck stehen, ein zentrales Problem nicht darin besteht, dass Geld sondern für unternehmerisches Handeln Planbarkeit fehlt:
Eine paradoxe Situation
Die Eigenanteile der Pflegebedürftigen steigen. Die Ausgaben der Pflegeversicherung steigen. Und dennoch geraten viele Pflegeheime wirtschaftlich unter Druck. Wie passt das zusammen?
Die Antwort liegt nicht in einem Mangel an Mitteln im System, sondern in einem strukturellen Problem: Kostensteigerungen werden häufig verspätet, unvollständig oder teilweise gar nicht refinanziert. Das Geld ist vorhanden – es kommt nur nicht dort an, wo es gebraucht wird, oder es kommt zu spät.
Keine flächendeckende Krise – aber eine wachsende Spaltung
Es wäre falsch, von einer einheitlichen Krise aller Pflegeheime zu sprechen. Was wir stattdessen beobachten, ist eine zunehmende Spaltung des Marktes:
Auf der einen Seite stehen wirtschaftlich stabile Träger mit professionellen Steuerungsinstrumenten, belastbaren Controlling-Strukturen und der Fähigkeit, auf veränderte Rahmenbedingungen schnell zu reagieren.
Auf der anderen Seite finden sich viele Einrichtungen, die dauerhaft Defizite erwirtschaften und zunehmend unter Druck geraten – nicht weil die Nachfrage fehlt, sondern weil die wirtschaftliche Steuerung und die Refinanzierungsmechanismen nicht funktionieren.
Die Nachfrage nach Pflegeplätzen ist und bleibt hoch. Das ist nicht das Problem. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, steigende Kosten zeitnah und vollständig refinanziert zu bekommen.
Was die geplante Pflegereform (PNOG) bringt – und was nicht
Für Pflegebedürftige: Mehr Flexibilität, aber keine Entlastung
Es ist nicht davon auszugehen, dass die geplante Pflegereform die finanzielle Situation der Pflegebedürftigen spürbar verbessert. Einzelne erhalten mehr Flexibilität oder Zugang zu neuen Unterstützungsangeboten. Eine verlässliche finanzielle Entlastung ist jedoch für die Mehrheit nicht erkennbar. Für bestimmte Gruppen drohen sogar Leistungseinbußen und höhere Eigenbelastungen.
Für Pflegeeinrichtungen: Ansätze ohne nachhaltige Wirkung
Auch für die Einrichtungsseite bringt das PNOG keine grundlegende Verbesserung der wirtschaftlichen Lage. Es gibt durchaus positive Ansätze – etwa zur Vereinfachung von Prozessen, zur Digitalisierung und zur Förderung von Innovation. Die strukturellen wirtschaftlichen Risiken werden jedoch nicht nachhaltig gelöst. Für viele Einrichtungen könnten sie sich sogar erhöhen.
Besonders kritisch ist dabei ein konkreter Reformpunkt: die geplante zeitweise Aussetzung der Regelungen zur tariflichen Entlohnung beziehungsweise ihrer Funktion als Maßstab für die Wirtschaftlichkeit von Personalaufwendungen. Diese Regelung würde genau in jenem Bereich Unsicherheit erzeugen, der für Pflegeeinrichtungen am schwersten wiegt: bei den Personalkosten.
Was Pflegeheime wirklich brauchen: Planbarkeit
Pflegeheime brauchen keine Sonderbehandlung. Sie brauchen das, was jedes wirtschaftlich handelnde Unternehmen braucht: einen verlässlichen regulatorischen und finanziellen Rahmen.
Pflegeeinrichtungen treffen langfristige Entscheidungen – bei der Personalplanung, bei Investitionen in Gebäude und Ausstattung, bei der strategischen Ausrichtung. Diese Entscheidungen erfordern Planungssicherheit. Wer nicht weiß, ob Kostensteigerungen in sechs Monaten refinanziert werden, kann keine verantwortungsvolle Unternehmensführung betreiben.
Die größte Herausforderung für die Branche ist daher nicht die Höhe der Vergütung – sondern ihre Verlässlichkeit und Zeitnähe.
Fazit: Strukturreform statt Symptombehandlung
Die wirtschaftliche Lage vieler Pflegeheime ist kein Zufall und kein Versagen einzelner Träger. Sie ist das Ergebnis eines Systems, das Kostensteigerungen strukturell zu spät und zu unvollständig weitergibt. Eine Reform, die dieses grundlegende Problem nicht adressiert, wird die Spaltung des Marktes weiter vertiefen – mit Folgen für Beschäftigte, Pflegebedürftige und die Versorgungsqualität insgesamt.
Was es braucht, ist kein weiteres Flickwerk, sondern eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage: Wie stellen wir sicher, dass Pflegeeinrichtungen wirtschaftlich planen können – heute und in Zukunft?
Haben Sie Fragen zur wirtschaftlichen Steuerung Ihrer Pflegeeinrichtung oder zum Umgang mit den aktuellen Reformvorhaben? Wir unterstützen Sie gerne – von der Analyse bis zur konkreten Handlungsempfehlung. Jetzt Kontakt aufnehmen!